Präsident der Aargauer Muslime: «Der Islamische Staat macht auch uns Angst.»

Halit Duran, Präsident der Aargauer Muslime, setzt sich seit Jahren unermüdlich für die Verständigung der verschiedenen Religionen ein. Hier spricht er über islamische Bestattung, Denunziantentum und den Integrationspreis zum Verbandsjubiläum. von Aline Wüst.


Der Vertreter der Aargauer Muslime lebt mit seiner Familie in einer Siedlung in Turgi. Es ist nicht zu übersehen, dass hier Muslime wohnen. Im Wohnzimmer hängen viele Bilder von Moscheen – Allah ist präsent. Genauso präsent sind aber auch die vier Kinder. Überall sind ihre selbst gebastelten Werke aufgestellt. Und während seine Tochter im Obergeschoss Flöte spielt, tönt um 13.22 Uhr der Ruf zum Gebet aus einem Lautsprecher. 

Herr Duran, warum ist es schön, ein Muslim zu sein?

Eine schwierige Frage, wahrscheinlich könnte das ein konvertierter Muslim besser beantworten als ich. Ich wurde bereits als Muslim geboren (überlegt). Islam bedeutet, mit sich Frieden zu machen. Es ist schön, mit Gott Frieden zu machen. Das gibt mir eine innere Ruhe.

Sie leben in Frieden mit Gott?

Ja.

Was wäre, wenn Ihnen eines Ihrer vier Kinder eines Tages mitteilt, es sei nun Christ oder Buddhist?

Ich hätte sicher keine Freude. Aber wenn mein Kind diesen Weg gehen möchte, wäre das sein Entscheid, den ich respektiere.

Was beschäftigt die Aargauer Muslime?

Es sind alltägliche Integrationsthemen wie die Diskriminierung durch das Umfeld oder in der Berufswahl.

Was meinen Sie damit?

Sehr viele Muslime heissen zum Nachnamen «-ic» und werden deshalb benachteiligt. 

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Bei der Stellensuche ist es schwieriger etwas zu finden mit einem «-ic» im Nachnamen. Es ist einfach ein Manko per se.

Fühlen sich Muslime ausgegrenzt?

Alles in allem denke ich, können wir Muslime sehr gut leben in der Schweiz. Es wäre ein Jammern auf hohem Niveau. Wir haben hier viel mehr Freiheiten als viele Nichtmuslime in muslimischen Ländern. Dass religiöse Minderheiten in islamischen Ländern nicht mehr Rechte habe, bedaure ich sehr. Da der Islam in seiner Grundlage eigentlich sehr tolerant ist.

Die Muslime fühlen sich also wohl im Aargau.

Das denke ich. Unangenehm ist bloss, dass es immer mal wieder politische Vorstösse gibt, die sich direkt gegen Muslime richten. Zum Beispiel das Kopftuchverbot.

Welche Gefühle löst das aus?

Wir fragen uns, warum gibt es Sonderrechte gegen Muslime? Natürlich gibt es auch das Minarettverbot und damit einen Verfassungsartikel gegen eine Glaubensgesellschaft. Es tut einfach weh.

Was könnten die Muslime tun, um Barrieren abzubauen?

Es ist schon so, dass es auch vielen Muslimen schwerfällt, sich zu öffnen. Es gibt Vorbehalte – viele Muslime überlegen sich: Was denken die anderen über uns? Wir vom Verband müssen in den Moscheen oft Überzeugungsarbeit leisten, damit Muslime Kontakt mit Nichtmuslimen suchen. Wagen sie es, sind sie meist positiv überrascht. Die Angst besteht aber auf beiden Seiten. Es gibt auch Moscheen, die kaum jemand besuchte an den jährlich stattfindenden Tagen der offenen Moschee.

Wie erklären sich die Muslime das?

Es löst Unsicherheit aus. Sie fragen sich, ob alle denken, sie seien Terroristen, und deshalb keiner kommt.

Ein Fernziel Ihres Verbands ist die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams als Landeskirche. Dringlicher sind aber separate Grabfelder für Muslime. Warum braucht es die?

Das ist eine rituelle Regel des Islams, ähnlich wie im Judentum. Die Muslime sollen zusammenstehen und auch in den Gräbern Seite an Seite liegen. Das ist unter Muslimen Konsens. Es braucht kein eigener Friedhof zu sein, eine Abgrenzung des Grabfeldes durch einen Weg reicht bereits. Es besteht übrigens keine ewige Grabruhe im Islam.

Warum dürfen Muslime nicht neben Christen im Grab liegen?

Es ist ein Gebot des Islams, dass Muslime Seite an Seite liegen sollen. Es ist wie das Gebot, dass Muslime kein Schweinefleisch essen oder keinen Alkohol trinken sollen.

Wo wird heute bestattet?

Meist in ihrem Heimatland. Es gibt aber eine wachsende Anzahl Muslime, die hier aufgewachsen ist, Secondos und Konvertiten beispielsweise, die in der Schweiz begraben werden wollen. In diesen Fällen wird versucht, die Mindestanforderungen einzuhalten, beispielsweise das Gesicht gegen Mekka auszurichten.

Viele Muslime haben im Sommer gegen den Gaza-Konflikt demonstriert. Der Protest gegen die Gewaltherrschaft des Islamischen Staats im Irak ist bisher kaum vernehmbar. Warum?

Der schweizerische islamische Dachverband hat sich klar distanziert von diesen Taten. Wir als Aargauer Verband haben uns in einer Friedensresolution 2005 gegen Gewalt und Terror in jeglicher Form ausgesprochen. Das gilt. Wir stehen uneingeschränkt hinter dem demokratischen Rechtsstaat und respektieren selbstverständlich die Gesetze. Wir äussern uns deshalb nicht bei jedem Anschlag im Ausland proaktiv. Unser Standpunkt ist klar. Ausserdem liegt unser Fokus auf dem Aargau. Deshalb haben wir uns auch nicht zum Gaza-Konflikt geäussert.

Wie denken Sie über den Islamischen Staat?

Das ist grauenhaft, das hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun. Wir lehnen das komplett ab. Auch alle massgeblichen Gelehrten aus aller Welt, auch die Konservativen aus Saudi-Arabien, lehnen den sogenannten Islamischen Staat konsequent ab. Das ist eine schreckliche Mörderbande, das kann niemals mit dem Islam gerechtgertig werden kann. Leider nehmen diese Leute Sätze aus dem Koran und versuchen ihr Handeln damit zu rechtfertigen. Einzelne Sätze rauszureissen und zu verdrehen, das wäre auch bei der Bibel möglich. Es ist aber absolut grotesk, darauf eine solch nihilistische Mordherrschaft aufzubauen.

Sie sprechen diesen Menschen ab, Muslime zu sein.

Ich kann nicht sagen, welchem Glauben oder Irrglauben irgendein Mensch anhängt. Auf jeden Fall ist das, was sie machen, vollkommen unislamisch.

Der Westen fragt sich, wie viele radikale Muslime es hier gibt. Was denken Sie?

Unter den Mitgliedern in unseren Moscheen werden Radikale und auch der Islamische Staat aufs Härteste verurteilt. Das ist eine Verunstaltung des Islams. Es macht auch uns Muslimen sehr viel Angst. Wir verstehen nicht, was hier vor sich geht.

Bekannt geworden ist der Fall des Brugger Gotteskriegers, der in der Türkei einen Anschlag verübte.

Dieser Mann war nie in der Moschee in Brugg. Für solche Menschen gibt es keinen Platz in unseren Moscheen und Vereinigungen. Er war ein Kleinkrimineller, ein schlecht integrierter Secondo, der keine Lehrstelle fand, eine «Null-Bock»-Mentalität hatte, sich radikalisierte, um endlich einmal eine Aufgabe im Leben zu haben und sich wichtig machen zu können.

Würden Sie es bemerken, wenn sich junge Muslime im Aargau radikalisierten?

Unter uns Muslimen gibt es schon fast ein Denunziantentum. Wenn jemand etwas Auffälliges beobachtet, wird das auch mitgeteilt. Es gibt viel Missgunst unter Muslimen. Das funktioniert wunderbar (lacht). Wir sind ausserdem im Kontakt mit der Aargauer Kantonspolizei, auch mit dem Staatsschutz arbeiten wir eng zusammen. Wir haben nichts zu verbergen. Unsere Moscheen stehen allen Aargauern jederzeit offen

Unter den Mitgliedern der Facebook-Gruppe des Verbands Aargauer Muslime findet sich ein Secondo aus der Nähe von Aarau, der den Tod deutscher Islamisten mit den Worten kommentiert: «Ich hoffe, dass Allah dieses Glaubensbekenntnis der Jihadisten annehmen wird.» Das ist erschreckend.

Dieser offensichtlich unzurechnungsfähige junge Secondo ist sicher kein Mitglied unseres Verbands. Wir haben keine natürlichen Mitglieder. Unsere Mitglieder sind Moscheen und Vereine, also juristische Personen. Diese entsenden dann Delegierte als Vertreter. Die Aussagen dieses Secondos sind grauenhaft. Wahrscheinlich läuft die Radikalisierung häufig anonym über das Netz ab, ähnlich wie beim Jihadisten aus Brugg. Wir werden diesen jungen Mann aber sicher aus unserer Facebook-Gruppe entfernen. Leider ist es unmöglich, zu kontrollieren, was alle Mitglieder dieser Gruppe auf ihren eigenen Profilen posten. Auf unserer Seite aber würden wir niemals solche Aussagen dulden und auch keine andere Propaganda. Wir haben deshalb auch schon Mitglieder präventiv gesperrt.

Sie setzen sich seit zehn Jahren unermüdlich für den Dialog der Religionen ein. Hinstehen müssen Sie meist dann, wenn der Islam in einem negativen Kontext vorkommt. Ärgern Sie sich darüber?

Das gehört zu unseren Aufgaben. Wir nehmen uns aber auch an der eigenen Nase. Wir müssten viel proaktiver sein und auch über die vielen positiven Sachen berichten. Dafür haben wir jedoch kaum Ressourcen. Wir arbeiten alle ehrenamtlich.

Eine schöne Nachricht ist, dass die Aargauer Muslime am Sonntag im Rahmen des Festes zum Zehn-Jahre-Jubiläum einen Integrationspreis vergeben.

Das stimmt. Dieser Preis ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht nur konsumieren, sondern auch etwas geben. Er geht an den reformierten Pfarrer Stefan Blumer. Er hat sich sehr für den interreligiösen Dialog eingesetzt und uns viele Türen geöffnet.

Was soll in zehn Jahren mit Aargauer Muslimen assoziiert werden?

Schön wäre es, wenn die Menschen mit den Muslimen eine friedliche, gut integrierte Religionsgemeinschaft assoziieren würden. Aber das ist wahrscheinlich mehr eine Vision. Ob dafür zehn Jahre reichen? Schön wäre es.

(az Aargauer Zeitung)